PARADISO DEL CEVEDALE

In dem Film habe ich auf ein Bild zurückgegriffen, das sich mir im Alter von etwa 17 Jahren so stark eingeprägt hatte, dass es 20 Jahre danach noch sehr lebendig in mir war. 

 

Mit meinem damaligen Jugendfreund, der Getränke an die Gaststätten der verschiedensten Orte auszuliefern hatte, fuhr ich ins hinterste Martelltal und er zeigte mir eine Ruine, deren Architektur rätselhaft in der Landschaft stand. 

 

Die Tatsache, dass man an das Gebäude nicht heran kam, weil es nur eine baufällige Brücke gab, die zu betreten verboten war, hat unsere Phantasie belebt.

 

Den Blick auf die andere Seite gerichtet,  rätselten mein Freund und ich, was es mit dieser Ruine wohl auf sich haben mochte. Angeblich sollte noch Reste von Malereien an den Zimmerdecken vorhanden gewesen sein, Mosaiken aus Gold und Lapislazuli, aber auch Vipern im Geröll der Mauern. Der Name Paradies und der davor aufragende Cevedale- Gletscher betonten den märchenhaften Charakter des Bildes.

 

Der Standpunkt diesseits der Grenze, mit dem Blick hinüber, der in der Wahrnehmung eine Mischung aus Wahrheit und Legende ergab, spielte in der Dramaturgie des 20 Jahre später entstandenen Films eine wichtige Rolle, insofern als die Fassade des Gebäudes eine Art Leinwand in der Landschaft darstellte, auf welche die Erlebnisse, Beobachtungen und Phantasien derjenigen die da drinnen waren, sei es als Gäste oder Zaungäste, als Zugelassene und Nichtzugelassene, projiziert werden konnten. Je nachdem, mit welchem Erfahrungs -und Wissensstand der Zuschauer im Verlauf des Films darauf schaut, werden immer wieder andere und neue Assoziationen wachgerufen.

 

Als ich 1986 von Frankfurt aus direkt ins Martelltal fuhr, um herauszufinden, welche Zeitzeugen es noch gab, stellte sich heraus, dass jeder ältere Marteller zwar unmittelbar auf den Namen Paradieshotel reagierte, kaum jemand konnte oder wollte aber eine konkrete Auskunft erteilen. Das Ergebnis meiner Recherche waren einzelne Bilder, versprengte Erlebnisse, Erinnerungen an Kurz- Begegnungen, die irgendwo begannen und wieder abrissen. Gesehenes, Gehörtes und Imaginiertes vermischten sich zu einem interessanten und spannungsreichen Kaleidoskop, was ich dann versucht habe in der Dramaturgie des Films umzusetzen.

 

Mir ging es in dem Film weniger um die Architektur des Hotels (der Entwurf stammt von dem berühmten Mailänder Architekten Gio Ponti), sondern um den sozialen und  historischen Stoff:

Das Aufeinanderprallen von städtischer Zivilisation und bäuerlich-alpiner Ursprünglichkeit, die Begegnung der Einheimischen mit dem Fremden, die Interessen unterschiedlicher Klassen, die Kollision zweier  Sprachen und Kulturen und alles was in diesem Kontrast an Zwischentönen zum Klingen kommt.. Auch die historische Konstellation von politischer Okkupation eines Territoriums kommt natürlich sehr zum Tragen.

 

Kein besonderer Komfort, sagt die Tochter einer ehemaligen Aktionärin, denn sie wollten ja Natur und Berge erleben. Die Kellner haben den Gästen mit weißen Handschuhen die Orangen geschält, sagt eine Martellerin. Tatsache ist, dass das Hotel in seiner Einfachheit von A-Z sehr stilvoll eingerichtet war und einen Lebensstil praktizierte, zu dem die  Marteller weder als Gäste,  noch  als Personal Zutritt bekamen. Sie durften die Strassen bauen, Eier und Fleisch liefern, aber nicht als Bedienstete mit hinein genommen werden. Die Widersprüche sind bizarr, wenn man bedenkt, dass die Marteller Bauern, nie aus dem Tal hinaus gekommen sind, weil es keine Strassen gab. Und während die städtische Klientel mit den ersten Autos ins abgelegene Tal fuhr, um im Paradies-Hotel in Luxus und Komfort zu schwelgen, wurde die Talbevölkerung vom italienischen Staat in den Abessinienkrieg geschickt. Die Kühe durften nicht scheißen, aber die Steinböcke waren beliebt, weil sie „eine Art Zoo in der wilden, freien Natur darstellten“.

 

Der Aufwand das Hotel zu bauen war groß, seine Blütezeit von kurzer Dauer. Schon bald nach seiner Entstehung in den 30er Jahren, wurde es aufgrund einschneidender historischer Ereignisse stark in Mitleidenschaft gezogen, bis zu seinem endgültigen Verfall in den 50er Jahren. Mehrere Käufer haben versucht das Ihre daraus zu machen. Heute gehört es der Besitzerin der Brauerei Forst und steht seit über 40 Jahren als Ruine da.